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Ernst Barlach | Käthe Kollwitz

Über die Grenzen der Existenz

Durch die Industrielle Revolution ändern sich die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Zustände enorm. Die technischen und wissenschaftlichen Erfindungen und die daran geknüpften Umgestaltungsprozesse führen Europa in ein neues Zeitalter. Damals schien die Welt aus den Fugen zu geraten. Überall machten sich Künstler und Schriftsteller ans Werk, das Ungeheuerliche in Worte und Bilder zu fassen und dem Menschen eine neue Heimat in dieser Zeit zu geben. „Gott ist tot“ hatte Nietzsche 1882 proklamiert und es fiel ein Weltbild in sich zusammen, das Jahrhunderte Orientierung geboten hatte. Jetzt mussten neue Werte und Ziele definiert werden, die weder für Ernst Barlach (1870-1938) noch für Käthe Kollwitz (1867-1945) in den blinden Fortschrittsattributen „größer, schneller, besser und mehr“ zu finden waren. Im Gegenteil. Schon früh konzipierten beide ihre künstlerische Arbeit im Widerspruch zu einer als kalt empfundenen, vom Materialismus und Rationalismus geprägten Wirklichkeit.

Der „neue Mensch“, die „neue Welt“, die „neue Zeit“ waren Leitmotive, die in Literatur und Kunst den Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert und insbesondere die Generation der Expressionisten in Deutschland begleiteten. Beide, Ernst Barlach wie auch Käthe Kollwitz, sind Einzelgänger in der Kunstszene dieser Zeit. Käthe Kollwitz hat schon sehr früh ihre Kunst in den Dienst einer konkreten gesellschaftlichen Verantwortung gestellt. Im Zentrum ihrer künstlerischen Arbeit stehen jene Menschen, die im Schatten des Fortschritts in ärmsten Verhältnissen leben und täglich um ihre Existenz ringen.

Während das Werk der Käthe Kollwitz von einer engagierten diesseitigen, auf die konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse ausgerichteten Sichtweise konzentriert ist, lässt sich Ernst Barlach durchaus treffend als Mystiker der Moderne beschreiben. Ihm ging es, abgesehen von seinem Frühwerk, nie um die naturalistische Abbildung der Realität. Seine Menschenbilder von tragen wenige individuelle Merkmale. Sie verkörpern generelle Zustände des Seins, sind Ausdruck einer über den Zustand der Welt hinauswollenden geistigen Orientierung. In Barlachs Schaffen aber nimmt die Kritik des Materialismus in der modernen Welt einen so dezidierten Stellenwert ein, dass auch seine Position als gesellschaftlich engagierter Künstler der klassischen Moderne außer Frage steht.

Ist das Werk der Käthe Kollwitz auf den ersten Blick vehement bestimmt von der Darstellung der Grenzen der Existenz, so visualisieren die Figuren von Ernst Barlach das über die Grenzen Hinauswollende. Beide freilich sahen die Aufgabe ihrer Kunst darin, die Welt aus einem tiefen humanistischen Verständnis heraus zu verändern. Den Krieg zu mahnen und sich für den Frieden zu engagieren, bleibt ihr Vermächtnis bis heute.