Ernst Barlachs streng geformte Bildwerke stehen dem norddeutschen Ex-pressionismus nahe, ohne daß ihr vielschichtiger Sinngehalt wirklich ganz in diesem aufgehen könnte.

Während die Expressionisten darzulegen versuchen, daß die bildende Kunst fähig ist, zu Aussagen über jene unbekannten Bezirke des Ich zu gelangen, die bis dahin noch keine vergleichbare künstlerischen Artikulation gefunden hatten, setzt Ernst Barlach sein gesamtes bildnerisches Repertoire ein, um auf das zu verweisen, was über dem Ich und hinter den Dingen steht.

Barlachs plastische Bildwerke werfen die grundsätzliche Frage nach den Grenzen des Aussagbaren innerhalb bildnerischer Gestaltung auf. Sie suchen die Grenzerfahrung und deren Darstellung und genau darin liegt ihre besondere Wirkung.

Man braucht nur einmal die Kennworte der einzelnen Werke durchzugehen, um immer wieder einen im Bildwerk formulierten Grundzug innerer Bewegtheit festzustellen: "Wanderer im Wind", "Das Wiedersehen", "Der Übergang", "Die Trauernde", "Der Rächer". Hier tauchen Titelworte auf, die über die Grenzen der Existenz hinaus- in eine übergeordnete Dramatik hineinführen.

Das Werk des Plastikers steht von hier aus gesehen auf der gleichen Ebene wie das des Dramatikers: Es ist die Ebene des Pathos. Pathos war die Sprache der Zeit, und zwar das große Pathos mit dem Willen zum Erhabenen. Die geistige Situation der Gestalten, die Motive ihrer Einsamkeit, ihrer Erregung, ihres Aufblickens zu den Sternen sind getragen von einem Pathos von innen, das ihre Geste, ihre Haltung steigernd bestimmt.

Das Pathos Wagners, Nietzsches, Georges ist ein heroisch bestimmtes Pathos von oben; Barlachs Pathos wurzelt in der Tiefe, ist Pathos von unten. Von dort aus erlebt er das Leiden, Mensch zu sein.

Aber es gibt auch Ausgleich und Versöhnung. Ab etwa 1930 spürt man eine Lösung der inneren Spannung: Die Welt fängt an still zu werden. Es wird jetzt eine ausgleichende Einheit sichtbar, in der alle divergierenden Elemente anfangen, musikalisch zusammenzuklingen.

 




 
 
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